Grümmer in der Kartause

Das Triptychon "Die Heilige Familie", 1990

Grümmer in der Kartause

1990. Kirchenasyl im Kapitelsaal der Kölner Kartäuserkirche. Der Maler und das Leben, sie haben es lange nicht gut miteinander gemeint. Einzig seine Kunst ist ihm geblieben. Es sind dieser Raum und zwei Leinwandarbeiten[1], die ihn vor der endgültigen Selbstaufgabe bewahren. Die Kartause als Überlebensraum.  Hier darf er sich tageweise ausbreiten. Wenn die Gemeinde sich im Kapitelsaal versammelt, dann räumt er sich wieder beiseite. Und seinen Teewagen, voll mit Pinseln, Tuben, Skizzenblöcken, Leinwänden und was er sonst noch braucht.

Das Triptychon „Die heilige Familie“ malt er für genau diesen Raum, im dem er Ende der 1980er Jahre  sich und sein Leben wieder in einen Rahmen bringt.  Aus Dankbarkeit überlässt er das Bild der Gemeinde. Sie hat ihn, vielleicht ohne es selbst überhaupt zu wissen, vor der endgültigen Selbstaufgabe bewahrt hat. Vor der Würdelosigkeit eines Malers ohne Raum. Endlich wieder hat er  einen Platz für sich und seine Pinsel, Farbentöpfe, Terpentinflaschen und genügend Stellfläche  für zwei Staffeleien.

Der Grümmer war sich abhanden gekommen. Er war der Familie abhanden gekommen. Dem Kunsthandel sowieso. In jungen Jahren vor künstlerischer Kraft strotzend, leidenschaftlich , in seiner Bildsprache wortgewaltig. Dieser Grümmer, Maler und Bildhauer (1935 bis 2008), war nach zwanzig  guten Künstlerjahren aus dem Erfolgskarussell abgestürzt.

Als Zwanzigjähriger gilt er als ein Geheimtipp der Kölner Kunstszene. Da hat er schon das Wandmosaik „Europa auf dem Stier“ im Kölner Rathaus geschaffen. Dann die  Mosaikböden und künstlerische Platzgestaltung auf dem Kölner Universitätsgelände . Der Mosaikbrunnen vor der Oper, der  Kölner Offenbachplatzes. Für ihn ist die Kunst keineswegs brotlos. Er schafft es, mit Frau und Tochter gut von der Kunst zu leben.

Das Karussell dreht sich immer schneller. Bundesweite  Aufträge. Kunst am Bau auch im europäischen Ausland. Und dann: Stopp. Stille.  Burnout würde man heute sagen. Einer, der die Spielregeln der Selbstvermarktung nicht beherrschen will oder kann. Grümmer, den Bildhauer zieht es die Steinbrüche, in die Baracken seiner Großbaustellen. Der Maler arbeitet ununterbrochen in den Ateliers zwischen Eifel und Köln, anstatt auch auf Vernissagen und Kunstmessen auf sich aufmerksam zu machen. Kompromisslos. Und irgendwann ohne Familie. Ohne Einkommen. Sogar die  Arbeitsräume kommen ihm abhanden.

Grümmer wohnt nun unterm Dach, gleich um die Ecke der Kartäuserkirche. Im Kapitelsaal darf er sich tageweise ausbreiten. Wenn die Gemeinde sich versammelt, räumt er sich beiseite. Und seinen Teewagen voll mit Pinseln, Tuben, Skizzenblöcken, Leinwänden und was er sonst noch braucht. In diesem Hin und Her geht nun aber nichts mehr verloren. Im Gegenteil: Grümmer findet sich wieder. Nach und nach.

Als er den kleinen Severin in die Bildmitte seiner „Heiligen Familie“ setzt,  da dient ihm noch ein Kind aus der Gemeinde als Vorbild. Ein Namensvetter seines ältesten Enkelsohns, den er bis dahin nur vom Hörensagen kennt. Ebenso wie Gereon und Bruno. Zwanzig Jahre sind unterdessen vergangen. Die abhandene Tochter ist jetzt so alt wie er damals war, als er die Familie verließ. .  …? Seitdem: Sprachlose Leere. Trümmerlandschaften.

Aber wer sagt denn, dass  „want future now“[2]  nicht auch im Jetzt passiert?  Grümmers Triptychon „Die heilige Familie“ hängt ab 1990 gerahmt und signiert an der Wand.  Und warum auch immer – plötzlich  ist alles ganz einfach. Die drei Enkel besuchen den Großvater. Neugierig wollen sie ihn kennenlernen. Wo? Im Kapitelsaal. Sie finden den Teewagen voller Malerwerkzeug toll. Der Maler und seine Enkel. Hier bemalen sie nun gemeinsam riesige Papierrollen und kommen sich näher. Alles findet sich. Die Zukunft ist zurück. Die Selbstachtung. Die Familie.

Er ist zurück im Leben. Der alte Maler. Zurück im eigenem Atelier. Mit wiedergefundenem Elan. Schafft ein umfangreiches Spätwerk. Kraftvoll. Selbstbewusst. Nicht zaudernd. Als er unheilbar erkrankt, arbeitet er weiter und weiter und weiter. Hiob ist sein Thema. Wieder ein Triptychon.

Am 1. April 2008 stirbt er. Nicht reich, nicht wirklich alt. Aber lebenssatt. Nachdem er noch Stunden zuvor an seiner Staffelei gezeichnet hatte.

Von Judith Grümmer



[1] Die zweite große Leinwandarbeit aus jener Zeit, „Karfreitag auf der Severinstrasse“ , befindet sich seit 2013 im Besitz der Kirchengemeinde St. Severin

[2] Siehe linke Bildseite unten

 

 

 

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